Michaelsberg bei Untergrombach steht 2009 im Mittelpunkt
Ein im wahrsten Sinn des Wortes
"überragender" Jubilar
Jahresprogramm mit über 40 Veranstaltungen / Breite Palette der Aktivitäten deckt Kultur, Natur, Geschichte, Religion, Musik und Sport ab
Bruchsal (pa). Eine faszinierende Landschaft mit immer neuen Facetten steht 2009 im Mittelpunkt des Bruchsaler Kulturprogramms: Mit über 40 Veranstaltungen rund um den Michaelsberg bei Untergrombach würdigt die Stadt die historische, ökologische und religiöse Bedeutung dieser höchsten Erhebung am westlichen Kraichgaurand. Äußerer Anlass sind gleich zwei "runde" Jahrestage des im wahrsten Sinn des Wortes "überragenden" Jubilars: Vor 125 Jahren wurden auf der Bergkuppe die ersten Überreste einer Steinzeitkultur entdeckt, die seither in ganz Europa als "Michelsberger Kultur" bekannt ist. Der Name des Berges mit seiner über 6000-jährigen Geschichte ist längst zu einem von Archäologen und Historikern international gebrauchten wissenschaftlichen Begriff geworden.
Eine ähnliche Bedeutung hat der Michaelsberg für Biologen und Umweltschützer: Vor 75 Jahren wurde am benachbarten Kaiserberg eines der ersten Naturschutzgebiete in ganz Südwestdeutschland ausgewiesen. Kaum irgendwo sonst in Baden-Württemberg lässt sich auf so kleiner Fläche - nämlich gerade einmal 50 Hektar - eine derart große Vielfalt an Pflanzen und Tieren nachweisen wie just hier.
Diese Aspekte und die bis ins hohe Mittelalter zurückreichende Wallfahrtstradition der Michaelskapelle auf dem Berg finden ihren Niederschlag in dem 32-seitigen vierfarbigen Programmheft, das ab sofort an vielen Auslagestellen erhältlich ist und auch bei der Stadtverwaltung angefordert werden kann. Ob öffentliche Führungen und Wanderungen auf dem Michaelsberg, Aktivitäten und Vorträge rund um das Thema Steinzeit, Andachten und Wallfahrten wie die "Michele"-Prozession, Entdeckungen in der Natur oder auch VHS-Exkursionen zu anderen Michaelsbergen des südwestdeutschen und elsässischen Raumes - dies und vieles mehr können Interessierte zwischen April und Dezember 2009 erleben. Besondere Veranstaltungsschwerpunkte liegen im April und Mai mit der bundesweiten NaturErlebnisWoche sowie im September, wenn am Tag des offenen Denkmals (13. 9.) der Michaelsberg im Focus stehen wird.
Es sei gerade die große Fülle der unterschiedlichen Themen, so Oberbürgermeister Bernd Doll, die einen Besuch auf dem Michaelsberg im Jubiläumsjahr zu einem Erlebnis werden ließen. "Auch viele persönliche Erinnerungen sind eng mit dieser eindrucksvollen Landschaft verknüpft", sagt Doll. "Als gebürtiger Untergrombacher weiß ich um das Besondere dieses Berges und freue mich, wenn unsere Besucher aus Nah und Fern durch die Veranstaltungen den Michaelsberg für sich entdecken können."
Dass die Stadt Bruchsal einmal mehr ein Jahresprogramm zu einem ausgesuchten historisch-kulturellen Thema hat zusammenstellen können, war nur möglich durch die Mitwirkung zahlreicher Vereine und Institutionen: Angefangen bei der Seelsorgeeinheit Bruchsal Michaelsberg über die aktiven Untergrombacher Vereinigungen, darunter Heimatverein, Naturschutzverein, Theater- und Kulturverein sowie Radfahrverein, bis hin zu Veranstaltern wie dem Orgelherbst und der städtischen Volkshochschule. "Jeder hat sich in seinem Rahmen in das Gesamtprojekt eingebracht", lobt Doll, der das Jahresprogramm und seine zahlreichen Angebote als einen gelungenen Beitrag zum Stadtmarketing sieht. "Bruchsal hat eine vielfältige und lebendige Geschichte. Projekte wie dieses tragen dazu bei, diese Geschichte wieder sichtbar und allen Interessierten zugänglich zu machen." So zähle denn auch der Berg, nach dem immerhin eine mitteleuropäische Kulturepoche benannt ist, mit seinem Namen und seinem besonderen Flair zu den "Botschaftern", die weit über die Region hinaus für Bruchsal werben.
Broschüre “Michaelsberg bei Untergrombach” zum DOWNLOAD als PDF (4MB)
Service und Information
Informationen zu sämtlichen Veranstaltungen des Bruchsaler Michaelsberg-Jahres 2009 sowie Exemplare des Jahresprogramms sind zu erhalten bei:
Stadt Bruchsal, Hauptamt, Abt. III (Kultur und Veranstaltungen)
Kaiserstraße 66, 76646 Bruchsal
Tel. 07251/79-380, -183 und -103
Fax 07251/79-11-380
E-Mail: Thomas.Adam@Bruchsal.de
11.März 2009
Der Michaelsberg bei Bruchsal-Untergrombach
Ein Berg voller Geschichte(n)
Thomas Adam
"Eine großartige Rundschau!", so kommentierte vor bald hundert Jahren ein offenkundig beeindruckter Reisender den Ausblick, welcher sich ihm von der Kuppe des Michaelsberges bei Untergrombach aus bot. Und ein anderer attestiert diesem höchsten Punkt des westlichen Kraichgaurandes wenig später: "Er bietet ringsum weite Aussicht, besonders nach Westen, wo in der Ferne die Hardtberge der Pfalz und die Türme des Kaiserdomes von Speyer auftauchen." Der Berg, der bei seinen Besuchern solch bleibende Eindrücke hinterließ, blickt zurück auf eine wahrhaft bewegte Vergangenheit.
Die Kultur der Tulpenbecher
Vor genau 125 Jahren, an einem Oktobertag 1884, schlenderte der pensionierte Wiesbadener Oberst August von Cohausen über die Kuppe des Michaelsberges unweit der dortigen barocken Kapelle. Seinem Interesse für mögliche Relikte deutscher Vorzeit folgend, ließ Cohausen den Blick schweifen. Und siehe da: Tatsächlich entdeckte der Oberst a.D., der sich als Limesforscher einen Namen gemacht hatte und nun das Ehrenamt eines Konservators versah, einige Bruchstücke alter Gefäße, ohne sich indes sogleich über deren Bedeutung bewusst zu sein. Seine zufälligen Bodenfunde sandte er mit dem Bemerken an den Karlsruher Altertumsverein, die Scherben seien an sich wohl wertlos, doch könnten sie immerhin einen kleinen Beitrag zur Altertumsstatistik des Michaelsberges leisten.
Der Oberst irrte, wenigstens was die erste Hälfte seiner Bemerkung anbelangt. Seine "an sich wertlosen Scherben" nämlich entpuppten sich bei anschließenden,
systematischen Grabungen als Relikte eines bis dahin unbekannten jungsteinzeitlichen Kulturkreises. Und da alle späteren archäologischen Nachweise dieser rund fünftausend Jahre alten Kultur
nach der ersten Fundstätte benannt wurden, tragen seither in mehreren europäischen Ländern lokalisierte Siedlungen neolithischer Bauern und Viehzüchter die Sammelbezeichnung
"Michelsberger Kultur". Deren charakteristische Gefäßform, der Tulpenbecher, erinnert von ihren Formen her eindeutig an den Blütenkelch der namensgebenden Frühlingsblume.
Die Siedlungstätigkeit dieser Steinzeitkultur ist zwischenzeitlich vom Pariser Becken bis in den Süden der neuen Bundesländer nachgewiesen. Moderne Forschungen belegen, dass die Menschen dieser Epoche bereits weitreichende Handelsbeziehungen unterhielten. Gerade am Michaelsberg bot die relativ günstige Lage des vorgeschichtlichen Dorfes auf fruchtbarem Lößboden die Grundlage für ackerbauliche Nutzung und schuf eine gewisse Sicherheit vor Angriffen und Naturkatastrophen, Überflutungen vor allem, die vor Jahrtausenden im Grombachtal und in der Oberrheinebene zu Füßen des Berges häufig gewesen sein dürften.
Trotz zahlreicher aktueller Erkenntnisse aber geben die "Michelsberger" den Archäologen bis heute noch immer Rätsel auf: Was bewegte diese neolithischen Siedler, ihre mächtigen Wall-Graben-Anlagen zu errichten? Welche Folgen hatten ihre Rodungstätigkeit, Viehhaltung und Jagdaktivitäten? In welcher Beziehung standen sie zu anderen, gleichzeitigen Kulturgruppen? Jedenfalls lebten sie in einer Epoche des Umbruchs und standen an der Schwelle zu einer neuen Zeit: Es war nicht mehr lange hin bis zur Erfindung von Rad und Wagen sowie dem Aufkommen von Metall als Werkstoff.
Dank der Michelsberger Kultur ist der Name des Berges mit seiner über 6000-jährigen Geschichte längst zu einem von Archäologen und Historikern international gebrauchten wissenschaftlichen Begriff geworden. Apropos "Michaelsberg" und "Michelsberg" (man beachte das Fehlen eines entscheidenden "a"!): Der Michaelsberg wird im lokalen Dialekt schlicht der Michelsberg genannt, und unabsichtlich ist man bei Benennung der Michelsberger Kultur dem Volksmund gefolgt.
Relikte dieser jungsteinzeitlichen Siedlung und der verschiedenen, bis in neuere Zeit fortgesetzten Grabungen sucht man heute in der freien Landschaft auf dem Michaelsberg allerdings vergeblich. Doch auch wenn die Spuren verwischt sind: Im Städtischen Museum Bruchsal und im Vorraum der Gaststätte auf dem Michaelsberg sind Funde nebst Erläuterungen zu besichtigen.
Von Heiden und Christen
Die weitere Rolle des Michaelsberges in vor- und frühgeschichtlicher Zeit ist objektiv kaum greifbar und bietet darum umso mehr Raum für reizvolle Spekulationen - etwa darüber, ob der Berg in vorchristlicher Zeit Schauplatz heidnischer Götterverehrung war. In der germanischen Mythologie besaßen Höhenzüge einen besonderen Stellenwert: Ein Berg, zumal der höchste in seiner Region, galt für heilig. Auch entsprangen auf der Kuppe des Michaelsberges in früherer Zeit mehrere Quellen, die gleichfalls Schauplatz germanischer Kulte gewesen sein könnten. Gerade in diesem Zusammenhang trifft die Bemerkung des Untergrombacher Heimatforschers Josef Lindenfelser, es sei die Anziehungskraft des Michaelsberges, die von jeher seine Geschichte bestimmt habe.
Dies vorausgesetzt, wäre es auch kein Zufall, dass die Kapelle auf dem höchsten Punkt des Kraichgaurandes dem Erzengel Michael geweiht ist, dem Sieger über Luzifer. Denn
dieser Satan kann gedeutet werden als das Böse, als das aus christlicher Sicht Gottlose. Wenn Michael aber den Sieg davonträgt, dann steht dieser Sieg sinnbildlich für das Verdängen der heidnischen Religion durch das Christentum.
Und wirklich wurden zu der Zeit, da das Christentum nach Deutschland drang, nicht selten - mit päpstlicher Zustimmung - heidnische Heiligtümer an gleicher Stelle in christliche Gebetsstätten umgewandelt. Von anderen Michaelsbergen in Deutschland sind eindeutige Zusammenhänge zwischen heidnischer Götterverehrung und anschließender Umwidmung im christlichen Sinne belegt.
Nahtlos fügt sich dann schließlich auch die Drachensage vom Untergrombacher Michaelsberg ins Bild, die im 18. Jahrhundert wohl noch recht verbreitet war. Sie berichtet davon, ein gräulicher Drache habe auf der Bergkuppe sein Unwesen getrieben, ehe er durch Mönche und den Bau der Kapelle gebannt worden sei. Die Analogie ist unverkennbar: Erst das Aufkommen des christlichen Glaubens bezwingt das Böse, das fraglos als das Heidentum zu deuten ist. Der Sieg über den Drachen auf dem Berg ist der Sieg des Christentums über die germanische Götterwelt.
An schon zuvor als heilig verehrten Orten wurden durch christliche Missionare erste kleine Kapellen aus Holz errichtet, und wirklich ist auch auf dem Michaelsberg schon für das hohe Mittelalter die Existenz eines kleinen Kirchleins belegt. Dieses sollte 1472 zunächst eine gotische, zur Mitte des 18. Jahrhunderts schließlich eine barocke Nachfolgerin erhalten. Der Bau dieser Kapellen an hervorragender Stelle reflektierte weit hinein in die Region. Wallfahrten führten Pilger teilweise von weither nach Untergrombach. So heißt es im Jahre 1683, zahlreiche Prozessionen suchten den Michaelsberg auf, und bis auf den heutigen Tag finden die regelmäßigen Wallfahrten zur Kapelle auf dem Berg ihre Teilnehmer.
Markgräfin Amalie rettet die Kapelle
Eine feierliche Prozession bewegte sich auch am 29. September 1857 hoch auf den Michaelsberg, über die serpentinenartig gewundenen Fußpfade am Westhang nach oben bis zur Kapelle, die schon von weither als beherrschende Landmarke zu erkennen ist. Ein Festtag für die Pfarrgemeinde und für die Katholiken der Region, von denen nicht wenige mitgeholfen hatten, diese Feier überhaupt erst zu ermöglichen. Sie hatten Geld gespendet, hatten sich beteiligt an einer allgemeinen Kollekte, zu der Untergrombachs Pfarer Ignaz Kling mit Zustimmung des Freiburger Erzbischofs aufgerufen hat. Das Ziel dieser Sammlung: Die Kapelle auf dem Michaelsberg kaufen – und sie wieder zum Gotteshaus machen.
Denn genau das war sie damals seit mehr als 50 Jahren nicht mehr gewesen. Die barocke Wallfahrtskirche, errichtet in den Jahren 1742 bis
1744 unter Fürstbischof Damian Hugo von Schönborn, hatte mit der Säkularisation von 1803 aufgehört, eine Stätte religiöser Verehrung zu sein. Wie viele andere Kirchen und Klöster war auch die Michaelsbergkapelle verstaatlicht und
zum bloßen Gebäude degradiert worden, eine Immobilie gewissermaßen, über deren weitere Verwendung man zunächst sehr klare Vorstellungen hatte. Abgerissen sollte sie werden, erklärten die zuständigen weltlichen
Behörden, abgetragen bis auf den letzten Stein. Andernfalls werde sie doch ohnehin nur – so ortsfern wie sie lag – üblen Räuberbanden als Unterschlupf dienen.
Dass es dann doch nicht zum Abriss kam, obwohl die Behörden anfangs fest dazu entschlossen waren, ist eine Geschichte für sich. Und eine mit gutem Ausgang, denn Untergrombach hätte andernfalls eines seiner Wahrzeichen unwiederbringlich verloren. Die Retterin der Kapelle ist Markgräfin Amalie von Baden, die ihren Einfluss spielen ließ und schließlich einen privaten Erwerb durch einen ihrer Hofbeamten möglich machte. Von diesem Zeitpunkt an wechselte die Kapelle mehrfach den Besitzer, büßte sämtliche ursprünglichen Einrichtungsgegenstände ein, diente als Schmiedewerkstatt und Schweinestall. Die Kirche war eben kein Gotteshaus mehr, sondern nur noch ein Gebäude – und als solches beliebig nutzbar.
Allerdings war dies ein Zustand, der von der Pfarrgemeinde und ihrem engagierten Pfarrer Kling schließlich nicht mehr toleriert wurde. Als sich 1855 die Möglichkeit ergab, die Kapelle zu erwerben, griff Kling zu. Die erforderlichen Mittel stammten aus einer Stiftung, die er eigens zu diesem Zweck ins Leben gerufen hatte. 800 Gulden brachte der Pfarrer zusammen, ein Betrag, der zunächst den Rückkauf des Kirchengebäudes ermöglichte. Anschließend warb Kling eine noch höhere Summe ein, mit der die notwendigen Reparaturen bezahlt wurden.
Als daher am 29. September 1857 das renovierte Gotteshaus unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wieder geweiht werden konnte, war es zunächst noch dürftig ausgestattet. Was heute das barocke Innenleben der Kapelle ausmacht – Hochaltar, Kanzel, die beiden Seitenältäre –, stammt eigentlich aus anderen Kirchen und wurde im Laufe der Zeit ergänzt. Ebenso die neobarocken Deckengemälde, die erst anfangs des 20. Jahrhunderts geschaffen worden sind. Der Sturz des Luzifer in die Flammenhölle, der Triumph des Erzengels St. Michael: Eindrücklich hat der Künstler Joseph Mariano Kitschker diese viel zitierte Textpassage aus der Offenbarung des Johannes in seinem zentralen Deckengemälde illustriert. Auch die anderen Darstellungen in der St. Michaelskapelle sind biblischen Engelsszenen gewidmet oder greifen Motive aus christlichen Heiligenlegenden auf, in denen Engeln eine zentrale Rolle zukommt.
Die Ausstattung und aufwändige Ausmalung sind ein Indiz dafür, welch großer Popularität sich die Kapelle bald wieder erfreute: als Ziel von religiösen Prozessionen einerseits, zunehmend aber auch von Sonntagsausflüglern. Denn die "Attraktion" Michaelsberg blieb auch von der im 19. Jahrhundert einsetzenden Welle des Tourismus nicht unberührt. Bereits im Jahre 1823 hatte das zuständige badische Ministerium den damaligen privaten Besitzern der Michaelskapelle die Erlaubnis erteilt, "eine Sommerwirthschaft zu treiben, welche, um die reizende Aussicht zu genießen, von großen Gesellschaften häufig besucht wird". Dies berichtet das "Karlsruher Intelligenz- und Wochenblatt" in seiner Ausgabe vom 21. Dezember 1823. Und fast exakt hundert Jahre später, im Jahre 1922, heißt es: "In immer stärker werdendem Maße bildet der St. Michaelsberg den Hauptanziehungspunkt und das allsonntägliche Reise- und Spaziergangsziel." Aus dem kleinen Ausschank, den der damalige Pächter des Gutshofes neben der Kapelle im 19. Jahrhundert eröffnet hat, entwickelte sich im Laufe der Zeit eine florierende Gaststätte. Die gehört heute für die vielen Besucher zum Flair des Berges dazu und ist längst nicht mehr wegzudenken.
Kriegszüge und Freudenfeuer
Nun fällt dem höchsten Punkt einer Region nicht nur kultische Bedeutung zu, sondern er steht häufig auch im Mittelpunkt des unfriedlichen Gegenteils - nämlich strategischer Interessen. Dies widerfuhr dem 272 Meter hohen Michaelsberg in den vergangenen Jahrhunderten denn auch immer dann, wenn einmal mehr - was insbesondere zwischen 1618 und 1945 nicht selten geschah - der nördliche Oberrhein zum Schauplatz kriegerischer Handlungen wurde. So findet sich der Michaelsberg, gleichsam als ein verlässlicher Wegweiser am Oberrhein, auf zahlreichen Militärkarten seit dem Dreißigjährigen Krieg und den nachfolgenden Franzosenkriegen ausdrücklich verzeichnet. Nicht zuletzt den Prinzen Eugen von Savoyen führte anno 1734 sein kriegerisches Handwerk an den Fuß des Michaelsberges. So nimmt nicht Wunder, dass eines der höchstgelegenen Gewanne auf dem Berg seit dem 17. Jahrhundert den Namen "Lärmenfeuer" trägt, benannt nach einem jeweils bei Gefahr durch nahende Feindtruppen entzündeten Alarmfeuer.
Ebenfalls ein Feuer, wenn auch zur Feier der Wiederkehr friedlicherer Zeiten, brannte auf dem Michaelsberg am 18. Oktober 1814 bei einem "allgemeinen Fest in Betref der glücklichen Befreiung Deutschlands". Dieses Datum markierte den ersten Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig, in der ein entscheidender Sieg gegen Napoleon errungen worden war. Auf dem Michaelsberg - wie auf unzähligen Höhen sowie in vielen Städten und Dörfern Deutschlands - wurde am Abend jenes Tages ein großes Freudenfeuer entzündet, an dessen Flammen sechs Musikanten aus Untergrombach feierlich aufspielten. Weitere sechs Männer wurden beordert, "welche das Feuer und gute Ordnung dabei unterhalten" sollten. Gerade auf dem Michaelsberg, dessen Patron zugleich der Patron Deutschlands gewesen ist, muss eine solche Feier besonders sinnfällig gewirkt haben. Freudenfeuer auf dem Michaelsberg zu historischen und sonst besonderen Anlässen waren im Übrigen so selten nicht: Auch aus dem Jahre 1856 ist ein solches belegt, und zwar "aus Anlass der Vermählung Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs".
Der Michaelsberg ist ein Weinberg
Nicht ohne Berechtigung prangt im Ortswappen von Untergrombach die Weinrebe als zentrales Motiv. Der Weinbau, der noch heute an Teilen des Michaelsberges betrieben wird, nimmt sich freilich bescheiden aus gegen die großflächige rebbauliche Nutzung des Berges in früherer Zeit. Im Jahre 1842 wurde nicht weniger als 1/6 der Untergrombacher Gemarkung insgesamt als Rebfläche in Anspruch genommen. Noch Fotos der fünfziger und sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts zeigen den Südhang des Michaelsberges nahezu ausnahmslos mit langen Rebreihen bestanden.
Die Arbeit an den steilen Hängen aber ist mühselig, und große Teile dieser Weinberge fielen schon vor geraumer Zeit brach. Kleinere
Rebanlagen sind gegenwärtig nur mehr vereinzelt zwischen Freizeitgrundstücken und verbuschten, mit Feldhecken bestandenen Flächen eingestreut. Wirtschaftliche Bedeutung hat der Weinbau vor allem
noch dort, wo in den 1970er Jahren durch Flurbereinigungen rationell zu bewirtschaftende Rebflächen entstanden sind. Dort gedeihen heute Traubensorten mit klangvollen Namen wie
Auxerois, Chardonnay, Riesling sowie Weiß-, Grau- und Spätburgunder.
Historische Relikte der rebbaulichen Nutzung unserer Landschaft in früherer Zeit sind die Trockenmauern, die einstmals die Weinbauflächen am Berg gegen Erosion schützen sollten. Weiter sind als Hinterlassenschaft des Rebbaus die historischen Lesesteinhaufen am Südhang des Michaelsberges zu nennen, die daraus entstanden, dass in Rebflächen gesammelte, hinderliche Steinbrocken in langer Reihe an den Grundstücksgrenzen aufgeschichtet wurden.
Relikte des Weinbaues sind schließlich in gewisser Hinsicht auch die Streuobstwiesen, die zu den wohl charakteristischsten Mosaiksteinen der Kraichgauer Kulturlandschaft zählen und am Michaelsberg noch zahlreich anzutreffen sind. In früheren Jahrhunderten wurden Obstbäume in Weinbergen vielfach als Beipflanzungen zwischen den Rebreihen verwendet. Als der Weinbau im 19. und 20. Jahrhundert an Bedeutung verlor, wurden die Reben in großem Stil aus ökonomischen Gründen beseitigt, während die pflegeleichten hochstämmigen Bäume vielfach in den Grundstücken verblieben und folgerichtig mehr und mehr die Landschaft zu prägen begannen.
Naturschutzgebiet seit 1934
Gegen Norden in direkter Nachbarschaft zum Michaelsberg - und von diesem allein durch eine kleine Senke getrennt - liegt eines der ältesten Naturschutzgebiete Baden-Württembergs: der Kaiserberg, ein steiler, nach Südwesten geneigter, offener Rasenhang, zum Teil terrassiert und früher als Weinberg genutzt. Bereits vor 75 Jahren, im Herbst 1934, wurden am Kaiserberg etwas mehr als 80 Ar unter Naturschutz gestellt. Allerdings dehnte man die geschützte Fläche schon 1942 per Verordnung erheblich aus, da das bisherige, verhältnismäßig kleine Areal den Schutzzweck kaum gewährleisten konnte. Manch erhaltenswerte Flora gedieh außerhalb der ursprünglichen Schutzfläche.
Am Kaiserberg werden Bodentemperaturen von über 70° C gemessen. Derlei extreme Trockenheit und Hitze finden sich im Südwesten allenfalls noch am Kaiserstuhl und bedingen die besondere Fauna und Flora dieses Gebietes. "In Baden", so hob zur Zeit der Unterschutzstellung der damalige Leiter der Kreisnaturschutzstelle Bruchsal hervor, "haben wir bis jetzt nur ein einziges Gebiet, das man mit dem Untergrombacher vergleichen könnte, nämlich den hochberühmten Isteiner Klotz." Zu den Kostbarkeiten dieser nährstoffarmen, mageren und besonnten Extrembiotope zählen heimische Orchideen, Enziane und die Küchenschelle. Die Artenvielfalt am Kaiserberg wie auch an Teilen des Michaelsberges war damals und ist noch heute, sowohl was Blütenpflanzen als auch was die Tierwelt anbelangt, von außerordentlichem Reichtum und umfasst annähernd zweitausend (!) Arten der Trockenrasen.
Diese außerordentlich artenreichen Lebensräume sind einerseits ökologisch außerordentlich wertvoll und eröffnen andererseits auch den Zugang zum Geschichtserleben in der Landschaft. "Hier am Michaelsberger Naturschutzgebiet", so notierte schon der Bruchsaler Professor Wiedemann vor mehr als einem halben Jahrhundert, "können wir uns im Geiste zurückträumen in jene heiße Steppenzeit, wo die erste Siedlungen auf den besonnten Lößhügeln entstanden sind. Die gleichen Blumen, die das Auge des Steinzeitmenschen erblickte, grüßen uns heute nach Tausenden von Jahren noch, die gleichen Tierarten, die schon zur Steinzeit waren, finden wir in unserem Schutzgebiet."
Und so gilt auch hier: Die Anziehungskraft (und das Außergewöhnliche) des Michaelsberges bestimmt seine Geschichte und seine Geschicke. Nicht zuletzt auch in diesem Sinne steckt dieser Berg voller Geschichte(n) und hält für jeden, der offenen Auges durch die Landschaft geht, noch manche Entdeckung bereit.