Geschichte aus der Heidelsheimer Vergangenheit,
frei erfunden und erzählt Oktober 2000 von Peter Schweikert
(nur der Schwallenbrunnen existiert und kann besichtigt werden).
Die Nixe Schwalla erzählt
Ich möchte euch eine Geschichte erzählen, die ich persönlich vor vielen Jahren erlebt habe.
Ein großes Übel, der Hunger, zog durch das Land.
Besonders den
Bruchsaler Kindern ging es schlecht. So schickte der Bruchsaler Schultheiß einen seiner Boten zum Heidelsheimer Hauslaib-Gustl.
Der Bote sagte zu Gustl: "Die Bruchsaler Kinder müssen alle sterben, wenn sie nicht sofort Milch bekommen."
Der hilfsbereite Gustl füllte die größten Kannen
mit Milch, spannte sein Pferd ein und wollte gleich losfahren, da schrie seine Frau Imelda: "Siehst du nicht, Gustl, dass es gleich dunkel wird; du wirst doch jetzt nicht mehr fahren wollen?" Gustl erklärte Imelda, dass der
Bruchsaler Schultheiß durch einen Boten habe sagen lassen, dass die Bruchsaler Kinder dem Tod ausgeliefert seien, wenn sie nicht sofort Milch bekämen. Imeldas Warnungen, er müsse zur späten Stunde am Schwallenbrunnen vorbei, und dort
treibe die Nixe Schwalla ihr Unwesen, schlug Gustl in den Wind.
"Hüscht", schrie Gustl und fuhr davon. Am Schwallenbrunnen angekommen, knallte er mit der Peitsche und rief: "Bleib' in deinem Brunnen, Schwalla, sonst
bekommst du es mit dem Hauslaib-Gustl zu tun."
Ich hörte und sah den Gustl, zeigte mich aber nicht. Ich war sehr traurig.
Wie konnte ein so lieber Mann nur so böse sein. Ich tröstete mich und dachte, er ist
aufgehetzt und hat, wie alle anderen auch, Vorurteile gegen mich.
Auf der Rückfahrt - Gustl sang gut gelaunt - ein Lied, ließ er sein Pferd in Höhe des Schwallenbrunnens anhalten und schaute zu mir herüber. lch wusste, dass er mich
nicht sehen konnte. Zu meiner Überraschung stimmte er mein Lied an und sang:
Nixe Schwalla - schwall, schwall!
In deinem Brunnen wallt es.
In deinem Brunnen schwallt es.
In deinem Brunnen macht es blubb, blubb, blubb!
Plötzlich, es war ganz furchtbar, schlug er mit der Peitsche so fest er konnte auf sein schönes Pferd ein. Das Pferd wieherte schrecklich. Es galoppierte schnurstracks
auf meinen Brunnen zu. Gustl schrie so laut er nur konnte: "Oha! Oha! Oha!"
Alles half nichts, das Pferd stürzte mit Mann und Wagen in die unheimliche Tiefe des Schwallenbrunnens. Nur die leeren Milchkannen schwammen auf dem
Wasser.
Daheim wartete vergeblich Imelda auf ihren Gustl, den sie erst vor ein paar Wochen geheiratet hatte. Nach langer Zeit des Wartens tauchte Stimmehl-Siegbald auf, der war
erstaunt, noch Licht in Imeldas Zimmer zu sehen.
Für Siegbald war es als Kind schon klar, dass er später Imelda heiraten würde. Als Imelda Gustl heiratete, war Siegbald so traurig, dass er drei Tage lang keiner Arbeit nachgehen konnte.
Als Bub hatte Siegbald aus Maiskolben Puppen gefertigt, die er lmelda schenkte.
Siegbald klopfte an Imeldas Tür. Sie öffnete ihm und brach, als sie Siegbald sah, gleich in Tränen aus. Imelda erzählte Siegbald ausführlich, was geschehen
war. Als sie mit ihrem Bericht fertig war, sagte sie: "Du bist dir doch auch sicher, dass Schwalla ihn in den Brunnen hineingezogen hat?!"
Siegbald versprach Imelda, Gustl zu suchen.
Ich sah wie der Wagen immer tiefer und tiefer im Schwallenbrunnen versank. Und das Pferd - inzwischen schon leblos - hinterher.
Plötzlich entdeckte ich Gustl. Ich
schnappte ihn mir und zog ihn in einen kleinen trockenen Raum. Gustl war bewusstlos! Ich legte ihn ganz behutsam auf den Boden, hielt mein Ohr an sein Herz. Wie glücklich war ich, als ich sein Herz schlagen hörte. Es dauerte nicht lange,
bis er seine Augen aufschlug.
"Wo bin ich?", fragte er ganz erschrocken, ohne mich gleich erkannt zu haben. "Wo ist mein Pferd, wo mein Wagen?", fragte er weiter.
Ich konnte zuerst seine Fragen nicht beantworten,
so glücklich war ich, ihn endlich in meinem Brunnen zu haben. Oft beobachtete ich ihn heimlich, wie er mit seiner Sense kraftvoll die Braunwiese mähte. Meine Sehnsucht nach ihm wurde immer stärker.
Und jetzt ist er hier. Ich kann mit
ihm reden, ihm alles sagen, was gesagt werden muss. Trunkenbolde, Taugenichtse und Landstreicher sind schon in meinen Brunnen gefallen. Endlich ist der darunter, den ich schon so lange liebe.
"Du, Schwalla?", schreit plötzlich
Gustl. "Ja, ich bin Schwalla, Gustl." "Schwalla, du hast mich in den Schwallenbrunnen gezogen!"
"Nein, Gustl, ich habe dich nicht in meinen Brunnen gezogen. Weißt du nicht mehr, wie schrecklich du auf dein Pferd
eingeschlagen hast?" Auch all die anderen sind so oder ähnlich in meinen Brunnen gefallen. Das Böse und der Hass treibt die Menschen in den Schwallenbrunnen.
"Lass mich raus, Schwalla!" "Nein, Gustl, bleib' bei mir,
ich warte schon so lange auf dich." "Warum sollst ausgerechnet du auf mich warten, Schwalla?" "Weil ich dich liebe, Gustl." "Ich bin mit Imelda verheiratet, Schwalla."
"Ich weiß, Gustl. Aber
lmelda liebt in Wirklichkeit nicht dich, sondern Siegbald." Gustl sieht mich ganz fassungslos an. Was geht in ihm vor?
Er muss es ja auch wissen, dass Siegbald keine Gelegenheit auslässt, um Imelda besuchen zu können.
Ich nehme
Gustl an der Hand und fordere ihn auf, in eine kleine Öffnung zu schauen. Gustl gehorcht, sieht in die Öffnung, wird im Gesicht ganz blass und sagt: "Schwalla, das kann nicht sein - du hast mich verhext. Ich habe soeben das Paradies
gesehen."
"Nein, Gustl, ich habe dich nicht verhext, ich bin keine Hexe, sondern eine Nixe. Doch du hast dich nicht getäuscht: es ist das Paradies. Und dort werden wir wohnen, wenn du bei mir bleibst, lieber Gustl."
Ein Schrei! Es ist Imelda, die ein Weinfass zum Schwallenbrunnen gerollt hat, um es mir zu schenken, damit ich Gustl frei gebe. Gustl, der auch den Schrei gehört hat,
weiß sofort, dass es Imelda ist und wird unruhig.
Ich fordere Gustl auf, im Brunnen zu bleiben, während ich nach oben schwimme. Oben angekommen, sehe ich das Fass auf Imeldas Füßen liegen.
Ich gehe auf Imelda zu, da erscheint
plötzlich Siegbald. Er rollt das Fass von Imeldas Füßen. Siegbald richtet Imelda auf, umarmt und küsst sie. Gustl, der sich am Brunnenrand festhält, hat alles beobachtet. Gustl schreit: "Imelda!"
Ich rufe Gustl zu: "Bleib' wo du bist, du darfst mich nicht verlassen, denk' an unser Paradies!"
Gustl schreit: "Ich kann nicht raus, hilft mir denn keiner?"
Jetzt ruft auch Imelda: "Siegbald, zieh' Gustl aus dem Brunnen!"
Siegbald geht an den Brunnenrand, streckt Gustl seinen linken Arm entgegen, während sein rechter Arm ihm einen Stoß versetzt, so dass Gustl wieder in den Brunnen
zurückfällt und verschwindet.
Ich höre noch Imeldas Verzweiflungsschrei, stürze mich in den Schwallenbrunnen, erwische Gustl am rechten Fuß und ziehe ihn direkt in unser Paradies.