Aus der FESTSCHRIFT zu den 5. Heidelsheimer Heimattagen vom 7. - 9. Juli 1979:

   Die alte Stauferstadt Heidelsheim

Wer das alte Stadttor aus dem Jahre 1774 durchschreitet, liest auf dem östlichen Frontgiebel "Reichsstadt Heidolfesheim" und blickt auf den Reichsadler im Spitzschild, für Heidelsheim das Zeugnis reichsstädtischer Vergangenheit. Im Wappenbuch des Landkreises Bruchsal aus dem Jahre 1970 ist zur Stadtentwicklung Heidelsheims folgendes zu lesen: "Der Ort scheint zu Beginn des 12. Jahrhunderts an die Staufer gekommen und von diesen zur Stadt ausgebaut worden zu sein." Das scheint nicht nur, das ist so. Das Heidelsheimer Heimatbuch aus dem Jahre 1960, das inzwischen leider vergriffen ist und nach erforderlicher Überarbeitung neu herausgegeben wurde, schildert und untermauert eingehend diesen Sachverhalt, muß aber, da die Urkunden nicht mehr vorhanden sind, die Fragen nach dem genauen Zeitpunkt der Stadterhebung unbeantwortet lassen.

Vom Dorf zur Stadt

Wie kam Heidelsheim zu reichsstädtischen Ehren? Dafür gibt es nach den Erkenntnissen der Geschichtsforscher zwei Gründe:

1. Richtig dürfte sein, daß die Staufer von ihrem schwäbischen Stammsitz aus Burgen, Städte und Landgüter erworben und sich darauf ihre Hausmacht gegründet haben. Es waren also machtpolitische Gründe, die die Staufer bewogen, ihre Machtstellung beiderseits des Rheins aufzubauen. Heidelsheim am Ausgang vom Hügelland zur Rheinebene gelegen, durch einen engen, natürlichen Sperriegel gesichert, bot, der damaligen Kriegstechnik entsprechend, hierfür die besten Voraussetzungen.

2. Die Kreuzzüge (1189), Kaiser Friedrich I. Barbarossa, der mit seiner Thronbesteigung anno 1152 die "hohe Zeit des Abendlandes einleitete" öffneten dem Handel zwischen Süden und Norden neue Wege. Am Rhein und seinem Hinterland entwickelten sich große Handelszentren. Diese benötigten an den Verkehrslinien sichere Ruhe- und Rastplätze. Auch dafür bot sich Heidelsheim bis in die heutige Zeit - wie der Rasthof "Herz'I " zeigt - an. Schutzmacht und Schutzherr des Handels waren in erster Linie die Reichsgewalt und damit der König bzw. der Kaiser des Reiches.

Über 700 Jahre Stadt

Diebturm aus der StauferzeitDie alte Siedlung Heidolfsheim, erstmals 770 urkundlich erwähnt, lag auf dem Martinsberg, dem heutigen Friedhof, geschart um die Martinskirche. Hier konnte der Ort die ihm zugedachte Rolle nicht spielen. Die Militärberater der Staufer entschieden sich für einen Platz in der Flußebene, eingebettet zwischen Saalbach, Nottenbach und Stalzbach. Es kann davon ausgegangen werden, daß dies bereits um etwa 1160 der Fall war und Heidelsheim noch unter Kaiser Barbarossa zur Reichsstadt erhoben wurde.

Urkundlich ist die neue ummauerte und rings von Wasser umflossene Stadt erst 1241 nachgewiesen. Heidelsheim wird zu diesem Zeitpunkt in der Liste der Reichsstädte geführt. 1256 findet noch das Dorf auf dem Martinsberg Erwähnung. Dort verblieb auch die Kirche bis zum Jahre 1501. Stadt und Dorf bestanden somit einige Jahre nebeneinander. Zwischen beiden zog die zu schützende Verkehrsader hindurch. Erst im 14. Jahrhundert wurde der enge Altstadtbereich durch die Vorstadt (Marktplatz) erweitert.

Da Heidelsheim bis ins 18. Jahrhundert eine ummauerte "geschlossene" Stadt blieb, sind seine Grundrisse auch heute noch deutlich erkennbar. Auch zwei totale Einäscherungen, 1622 während des 30jährigen Krieges durch den General der katholischen Liga, Tilly, und 1689 im pfälzischen Erbfolgekrieg durch französische Truppen unter General Durras konnten daran nichts ändern. Tore und Türme aus der Stauferzeit sind allerdings nicht mehr vorhanden. Lediglich Teile der Stadtmauer um die Altstadt und Teile des Diebsturms dürften noch staufischen Ursprungs sein.
 

die befestigte Stadt Heidelsheim

Erläuterung:
Die Stadtmauer von Heidelsheim war durchweg 10 m hoch, mit Wehrgang, Treppenaufgängen und Schießscharten versehen, dazu an mehreren Stellen mit Stützpfeilern verstärkt. In die Stadtmauer eingefügt waren 6 Stadttore mit Türmen bzw. überhöhten Torbauten, ferner ein kleines Törlein als Zugang zur Mittelmühle. Sechs weiter Türme verstärkten die Befestigung, nämlich 4 Rundtürme und 2 Halbrundtürme. Die Tore und Türme sind im Plan wie fogt dargestellt:

I   Das Wendeltor, erbaut 1555, abgetragen 1833.
II Das Mittel- oder Rathaustor, heute Stadttor genannt - erbaut 1593, erneuert 1774.
III Das Koppentor mit 2 Türmen, Außen- und Innentor, mit einer Art Vorwerk oder Schleuße, entfernt 1833.
IV Das Bruchsaler- oder Kirchhoftor mit Torwohnung, Außen- und Innentor wie das Koppentor.
V   Das Judentor mit daneben stehendem Turm, abgebrochen 1844. VI Das Törlein, Aussehen unbekannt.
1 Diebsturm mit Verlies, seit 1689 ohne Dach.
2 u. 3 Halbrundtürme, links und rechts des Koppentores, verschwunden.
4   Katzenturm, vollständig erhalten, mit Verlies und Dacherker.
5   Gaisturm, Gestalt wie der Katzenturm, Grundmauer noch sichtbar, abgetragen 1873.
6   Judentorturm, neben dem Judentor, erbaut 1521, verschwunden. 7 Rundturm beim Hirtenhaus bzw. luth. Kirche, zum Teil erhalten.

Von diesen Toren und Türmen sind im Merianstich von 1645 lediglich das Wendeltor, Rathaustor sowie Diebs- und Katzenturm zu sehen.

Die alte Reichsstadt zwischen Saalbach und Nottenbach war ein kleines Gebilde. Die Stadtmauer hatte nur eine Länge von 600 m, nach Erweiterung um die Vorstadt von 1500 m. Von Osten kommend, betrat man über eine aufziehbare Brücke durch das Wendeltor die Stadt. Eine geschwungene Hauptstraße, leicht steigend, von lediglich 250 m Länge durchzog das Eirund. Durch das Westtor, später Rathaus- oder Mitteltor, heute Stadttor genannt, verließ man wieder über eine Brücke die Stadt. Zwischen Stadtmauern und Stadtgraben lag ein Streifen Land, Zwinger genannt.
Es war damals durchaus üblich, daß der Marktplatz vor der Stadt lag in Heidelsheim bereits an der Stelle, wo er sich auch heute noch befindet. Dies war vor allem in der räumlichen Enge der von bis zu 10 m hohen Mauern umschlossenen Stadt begründet. Da die Pfarrkirche auf dem Martinsberg zunächst beibehalten wurde, begnügte man sich in der Stadt aus Platzmangel mit einer, der Gottesmutter geweihten Kapelle, auf dem höchsten Punkt innerhalb der Stadt gelegen.


Das Stadtwappen

An den Stadttoren, städtischen Gebäuden und auf Wetterfahnen prangte einst das Zeichen des Stadtherrns, der Reichsadler. Heidelsheim war reichsunmitteibare Stadt, ausgestattet mit Marktrecht, Frohnfreiheit und Gerichtsbarkeit.
der doppelköpfige Adler der KaisersIn Heidelsheim begegnet man deshalb drei Arten von Reichsadlern. An der Ostseite des Stadttors erkennt man den Adler aus der Zeit Friedrich II., dem Enkel Barbarossas. Im Giebelfeld der Westseite befindet sich der doppelköpfige Adler, der die doppelte Eigenschaft der Herrscher des "heiligen römischen Reiches deutscher Nation" ausdrückt. Der einköpfige Adler war das Wappenbild des Königs, der doppelköpfige das Sinnbild des Kaisers. Das Stadtwappen war stets der einköpfige Adler, die Reichsstadt symbolisierend. Man findet ihn am Ratsbrunnen, Schulhaus, Heimatmuseum und an anderen Stellen. Der städtische Adler trägt nur dreifachen, der Königsadler dagegen fünffachen Federschmuck.

Freie Bürger

Heidelsheim ist eine Stauferstadt, ein Glied in der schmuckvollen Kette staufischer Macht und Herrlichkeit. In ihr konnten nur freie Bürger wohnen. Die Stadtbürger kannten für sich keine Leibeigenschaft. Die Bürger waren nur dem Kaiser und der eigenen Stadt verpflichtet. Das Gefühl der Freiheit wurde auch dann nicht geschmälert, als Heidelsheim 1311 von König Heinrich VII. für 1800 Pfund Heller an Markgraf Rudolf IV. von Baden verpfändet wurde. 1333 löste Pfalzgraf Ruprecht I. die Stadt für 4000 Pfund von Rudolf IV. ab. Heidelsheim wurde als Reichspfand kurpfälzisch. Es dauerte allerdings neun Jahre bis die Richter und Bürger von Heidelsheim ihrem neuen Herrn huldigten. Obwohl insbesondere der Herzog von Württemberg und der Markgraf von Baden, sowie andere Landesherrn mehrfach versuchten, Heidelsheim in ihren Besitz zu bringen, blieb die Stadt 530Jahre kurpfälzisch, durchlebte und durchlitt teilweise schreckliche Zeiten als Teil eines Grenzlandes. Erst als die Kurpfalz durch Napoleons "Gnaden" im Jahre 1803 aufgelöst wurde kam Heidelsheim zum Großherzogtum Baden.

Als die Stadt im 14. Jahrhundert allmählich den Händen des Reiches entglitten war und zur Stadt von Landesfürsten wurde, behielt sie ihre besondere Stellung im allgemeinen bei. Die Verwaltung ging jedoch fast ganz auf das Land über. Das war dann auch der Punkt, wo sich die Gemüter am meisten erhitzten und wo, durch Nichtbeachtung der Meinung der Bürger, viel Unwillen erregt wurde und sich die Bürger gegen ihren Landesherrn und die Regierung auch auflehnten. Dieser Bürgerstolz ist bis in die heutige Zeit erhalten.

Heidelsheim gehörte im Mittelalter zum Bund der schwäbischen Reichsstädte und war später neben Heidelberg und Bretten die bedeutendste Stadt der rechtsrheinischen Kurpfalz. Dennoch:

Unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurde 1935 das Stadtrecht entzogen. Es folgte 1938 die Auszeichnung als Musterdorf des Landkreises Bruchsal. Mit einem großen Heimatfest feierten die Heidelsheimer 1952 die Wiederverleihung des Stadttitels durch die Landesregierung Württemberg-Baden. Bereits 1969 zogen jedoch wieder dunkle Wolken auf. Durch die Kreis- und Gemeindereform in Baden-Württemberg verloren zahlreiche Landkreise - so auch der Landkreis Bruchsal trotz hartnäckigem Widerstand - und über 2000 Gemeinden ihre Selbständigkeit. Die Heidelsheimer kämpften lange gegen den Strom und für die Erhaltung der Selbständigkeit ihrer Stadt. Vergebens. Als letzte der insgesamt fünf eingegliederten Gemeinden wurde Heidelsheim am 1. Oktober 1974 Stadtteil von Bruchsal. Die Erhaltung und Führung der Stadtflagge mit den Reichsfarben und dem Reichswappen als Zeichen der großen reichsstädtischen Vergangenheit blieb dem Stadtteil erhalten.

Eigenart bewahrt

Heidelsheim ist heute ein aufstrebendes Gemeinwesen. Die Bürger haben sich ihre Eigenart bewahrt, sie sind nicht entmutigt, sondern angespornt ihr reiches Kulturerbe zu pflegen und ihr Geschichtsbewußtsein lebendig zu erhalten. Gemeinderat, Ortschaftsrat und Stadtverwaltung unterstützen und fördern solches Engagement. Dies ist eine gute Grundlage, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken.

P. M.

 

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