Peter Schwedes läßt Geschichte lebendig werden
HEIDELSHEIM: Ehemalige Reichsstadt hat als einzige Stadt in Europa Türmer und Nachtwächter in der Zunft
Früher waren Türmer und ihre Familien dazu da, von ihrem Turm Ausschau nach Feinden oder nach Bränden zu halten. Heute empfängt Türmer Peter Schwedes im
Heidelsheimer Katzenturm Gäste aus aller Welt und berichtet ihnen von der abwechslungsreichen Geschichte des Reichsstädtchens.
Dabei gelingt es ihm, seine Zuhörer durch seine Erzählungen zu fesseln. Bewußt verzichtet er auf eine Schwemme von bedeutenden Jahreszahlen, schließlich will Schwedes keinen Geschichtsunterricht
erteilen, sondern vielmehr Geschichte lebendig werden lassen. Daß das Interesse an solch einer Turmbesichtigung mit geschichtlichem Exkurs groß ist, belegt das Gästebuch des Türmers.
Besucher aus den USA, China, Mexiko und
Australien, aber auch Ausflügler vom Badischen Turnerbund, der Bahn AG, Studentenverbindungen, von Siemens oder Veltins, der Arbeiterwohlfahrt oder aus Kindergärten haben sich hier verewigt. Einen ganzen
Sack voll Dankeskarten von Gruppen, die er im Turm herumgeführt hat, hat Schwedes bereits erhalten. Dabei wirkt er vor allem am Wochenende und mehr im Verborgenen. Zwar empfängt Schweden seine Gäste
gewöhnlich auf dem Marktplatz, beginnt an dieser geschichtsträchtigen Stelle seinen Rückblick auf die Historie der Gesamtstadt. Im Anschluss allerdings schließt sich die Tür des Turms hinter dem Türmer und seinen Gästen.
Peter Schwedes vor dem Eingang zu "seinem" Katzenturm
Die innige Verbindung zwischen Peter Schwedes und "seinem" Katzenturm begann vor ungefähr 20 Jahren mit dem Innenausbau des Turms. Damals noch als Schreinermeister tätig, war Schwedes für die Holzarbeiten
verantwortlich. So wurde sein Interesse an der Geschichte geweckt. Seitdem hat sich Peter Schwedes ein enormes Wissen angeeignet. Schließlich geht es ihm als Türmer nicht darum, einen einstudierten Vortrag
herunterzuspulen. Vielmehr muß er sich auf das Niveau seiner Besucher und vor allem auf viele Fragen einstellen.
Seit 1996 ist Peter Schwedes als Türmer in der Zunft. Der Heidelsheimer Nachtwächt ist dort bereits seit 1994
aufgenommen, nachdem das Nachtwächterlied noch unter dem Vorsitz von Bürgerwehr-Gründer Paul Metzger 1982 bei der Einweihung des Kanzelbergs erstmals nach langer Zeit in Heidelsheim wieder gesungen wurde.
Heidelsheim ist die einzige Stadt in ganz Europa, die sowohl einen Türmer als auch einen Nachtwächter hat. Ebenfalls einzigartig in Europa: Der Heidelsheimer Türmer hat kein Horn, sondern eine Glocke. Auch die
Erklärung dazu hat Schwedes selbstverständlich parat: Ursprünglich wohnte der Türmer im Stadtturm. Als dieser 1689 von den Franzosen zerstört wurde, zog der Türmer in den Katzenturm, den höchsten Punkt der
damals befestigten Stadt. Der allerdings stand so weit abseits, dass nur die Glocke garantierte, dass die Bürger bei Feueralarm die Warnung auch hören würden.
Ungefähr 50 Führungen macht Peter Schwedes nach vorheriger Absprache pro Jahr. Größere Gruppen teilt sich Schwedes auch schon mal mit Nachtwächter Erich Bannholzer. Die Einteilung der Termine managt
Schwedes mehr nebenbei. Sein Schichtdienst als Gemeindekrankenpfleger und seine Tätigkeiten im Ortschafts- und im Gemeinderat lassen ihm dazu nicht viel Zeit. Viel mehr Führungen allerdings könnte der
Türmer daher auch gar nicht verkraften. Werbung wird für die Turmführungen nicht gemacht. Die Menschen kommen durch Mund-zu-Mund-Propaganda in den Katzenturm. Im kommenden Jahr (2002) ist ein
"Jahrhundertereignis" für Heidelsheim geplant: ein Treffen von Nachtwächtern und Türmern aus ganz Europa, das es vor allem auch finanziell zu verkraften gilt.
VON CORNELIA BAUER
Wochenblatt Bruchsal und Region vom 6.3.2001